Leaders for Future

Ruth Seliger, April 2022

„In welcher Welt wollen wir leben?“

Diese Frage stellte der Vorstandsvorsitzender der Erste Bank, Bernd Spalt, bei einem Interview und merkte an, dass das die wichtigste Frage für uns alle ist. „Auch Banker haben Kinder“ fügte er hinzu.

Interessant an dieser so einfach scheinenden Frage ist weniger ihr Inhalt, sondern der Umstand, dass sie von einem Top-Manager einer der größten österreichischen Banken gestellt wird. Diese Frage hat eine Reihe von Implikationen:

  • Es ist die Frage eines Managers, der die Zukunft der Welt zu einer Agenda des Unternehmens macht.
  • Es ist die Frage eines Bankers, der die gesellschaftliche Verantwortung seines Unternehmens und dessen Beitrag für die Zukunft der Gesellschaft anspricht und sie in die Unternehmensstrategie integriert.
  • Es ist die Frage einer Führungsperson, die diese neue Ausrichtung im Unternehmen umsetzen und dafür passende Struktur, eine neue Kultur gestalten und die Zustimmung und das Engagement der Menschen in der Organisation und auch der Kunden und Kundinnen gewinnen muss.

Damit ist alles umschrieben, was „Leaders for Future“ meint.

Führen bedeutet: Entscheidungen treffen. Jede Entscheidung wird in der Gegenwart getroffen, ist aber immer auf die Zukunft gerichtet, ist mit Risiko und Ungewissheit verbunden. Was „richtige“ oder „falsche“ Entscheidungen sind, ist im besten Fall erst in der Zukunft zu beurteilen, und meistens bewerten unterschiedliche Menschen dann diese Entscheidungen auch unterschiedlich. Die Abhängigkeit vieler Staaten von russischem Gas erschien vor Jahren und unter bestimmten Umständen als eine gute Entscheidung. Heute sind die Folgen dieser Entscheidung unser Problem.

Das ist das Schicksal von Führung.

Entscheiden bedeutet, heute einen Pflock in eine aktuelle Situation zu schlagen. Es gibt zwar keine Sicherheit, welche Folgen damit verbunden sein werden, aber es muss doch sein. Was also könnte hilfreich sein in dieser Not, die es zu wenden gilt?

Das Schlüsselwort heißt: systemisches Denken.

Es ist ein theoretischer Zugang zur Welt, es ist ein Welt- und ein Menschenbild. Aber die größte Bedeutung liegt in den Möglichkeiten, mit Komplexität umzugehen. Und es ist Komplexität, die Entscheidungen so schwierig machen.

Derzeit befinden wir uns alle in einer Krisenzeit: Klimakrise, Pandemie, Krieg vor unserer Haustür, Energieunsicherheit. Als wäre das nicht genug, befinden wir uns in einem radikalen Transformationsprozess, in dem alte Annahmen, Strukturen und Strategien über die Art, wie wir leben, leben wollen und leben können, sich fundamental verändern, teilweise zerbrechen und unser Zusammenleben nicht nur verändern, sondern auch gefährden. Die Fähigkeiten und Möglichkeiten zum gesellschaftlichen Diskurs, das Vertrauen in unsere Sprache, in unsere Institutionen schwindet.

Das alles ist ein düsteres Bild der Gegenwart. Und hier kommt Führung ins Spiel: Unternehmen und ihre Führung haben die Welt spätestens seit der „zweiten industriellen Revolution“, die mit der Produktion von Massenwaren, vor allem Autos, vor allem in den USA, entstand, fundamental verändert: Es wurden Straßen gebaut, Städte  wuchsen, Wohlstand entwickelte sich, eine gesellschaftliche Mittelschicht entstand. Hinter diesen Entwicklungen standen immer Entscheidungen von Führung. Heute leben wir in einer Welt, die vor Jahrzehnten durch Führung geformt wurde. Und heute stellen wir uns gemeinsam mit einem der wichtigsten Manager die Frage: in welcher Welt wollen wir leben?

Führung hat nicht nur die Macht, sondern auch die Verantwortung, die Zukunft zu gestalten.

Unternehmen und andere Organisationen und ihre Führung sind gewichtige Akteur:innen in dieser Situation. Von ihren Entscheidungen hängt die Zukunft ab. Ihre Entscheidungen betreffen die gesamte Gesellschaft und wirken noch nach, wenn längst andere Akteur:innen am Feld sind.

Entscheidungen bleiben mit Ungewissheit verbunden, aber ihre Qualität wird besser, wenn Führung ein großes Bild ihres Wirkens in die Gesellschaft, ein Bewusstsein der Komplexität der Situation, ein Fundament der Expertise aus der Wissenschaft und vor allem auch ein Gefühl der Verantwortung zeigt. Heute geht es für Führung nicht nur darum, die eigene Organisation zu gestalten und erfolgreich zu machen, sondern diese Organisation als einen gesellschaftlichen Player zu verstehen.

Das ist mit „Leadership for Future” gemeint.

„Leaders for Future“ werden ein neues, der Komplexität angemessenes Mindset entwickeln, das die einfachen tayloristischen Konzepte und Instrumente für Manager:innen ablöst, sie werden systemisch denken lernen und einen Blick auf die Welt, systemische Modelle von Organisation, Kommunikation und Steuerung brauchen, um in den Prozess der gesellschaftlichen Transformation eingreifen und die Zukunft gestalten zu können. Leaders for Future brauchen ein neues, ein „postheroisches“ Führungsbild. Und sie brauchen nicht zuletzt neue Instrumente für Entscheidung, Kommunikation und Kooperation.

Das alles kann man lernen, damit kann man sich auseinandersetzen, das kann man in der Praxis umsetzen und erproben. Dafür mache ich Angebote.

Mit den besten Grüßen,

Ruth Seliger