Transformation, Organisation und Führung

Ruth Seliger, November 2022

„Wir leben in einer Wendezeit“, sagt Olaf Scholz. „In welcher Welt wollen wir leben?“ fragte der frühere Vorstandsvorsitzende der Erste Bank, Bernd Spalt. Zwischen diesen beiden Aussagen von Spitzenmanagern – der eine im politischen, der andere im ökonomischen Feld – liegt „Transformation“. Der Raum zwischen dem „Heute“ und dem „Dann“.

Dieser Zwischenraum ist ein Raum voller Ungewissheit und Unsicherheit. Er ist wie ein Loch im Fluss der Geschichte. In diesem Raum kämpfen die Einen für den Erhalt des „Heute“ mit den Verfechtern des „Dann“. Es ist der Zeitraum der Visionäre und Kämpfer für eine bessere Welt, es ist aber auch der Zeitraum der Abenteurer und Monster, die ihren Moment gekommen sehen. In diesem Raum treffen jene, für die die Veränderung eine Unterbrechung der sicheren Zeiten ist, auf  andere, die darin den Beginn von etwas Neuen sehen. In dieser Zeit zerreißt es jeden und jede von uns, es zerreißt Organisationen, ihre Führung  und die gesamte Gesellschaft.

Transformation ist der schwierige Weg durch diesen Raum. Transformation ist mehr als „Change“. Im Change werden Muster im System verändert, Transformation verändert das System selbst.

Als Beraterin von Organisationen war es mein Job, Organisationen bei der „Verdauung“ gesellschaftlicher Veränderungen und Turbulenzen zu begleiten. Das war und ist „Change“.

Aber genügt das heute? Wenn wir in einer Zeitenwende leben, muss sich nicht auch „Change“ selbst verändern? Genügt es, Organisationen als komplexe Systeme im Blick zu haben und die Gesellschaft als deren „Umwelt“ zu betrachten?
Wenig überraschend sage ich darauf: nein es genügt nicht. Aber was dann?

Die Ausgangsthese lautet:

Organisationen sind zugleich durch die Gesellschaft gestaltet als auch aktive Gestalteter der Gesellschaft. Meistens sehen Organisationen das anders, sie sehen sich als „Opfer“ gesellschaftlicher Entwicklungen, auf die sie reagieren müssen. Sehr oft ist der Teil ihrer Macht, ihrer „Täterschaft“ ein blinder Fleck. Ich habe noch nie ein Führungsteam bei der Überlegung beobachtet, wie es auf die Gesellschaft einwirken könnte.

Die Erfahrung und die Geschichte zeigen uns aber, dass es Organisationen waren, die unsere Gesellschaft und unsere Welt verändert haben. Technologische Entwicklungen haben neue Welten geschaffen: das Telegramm, das Telefon wurden in Organisationen entwickelt und haben unsere Kommunikation und damit auch Kooperationen verändert. Die Erschließung fossiler Energien hat die Massenproduktion von Automobilen am Beginn des 20. Jahrhunderts ermöglicht und unsere Welt mit Straßen durchfurcht, Großstädte sind rund um Fabriken gewachsen. Die Entwicklung der digitalen Kommunikationstechnologie hat aber das Herzstück der Gesellschaft verändert: die Kommunikation. Sie ist der Stoff, der uns als Gesellschaft zusammenhält. Ohne Kommunikation fällt die Gesellschaft auseinander. Digitale Organisationen bestimmen also das Schicksal der Gesellschaft. Alle diese Entwicklungen und Veränderungen sind durch Organisationen entstanden.

Man kann sagen: Organisationen sind einer der wichtigsten und mächtigsten Faktoren gesellschaftlicher Transformation. Das mit der Opferrolle geht nicht mehr.

Transformation ist eine gemeinsame Veränderung von Organisationen und der Gesellschaft

Organisationen und die uns alle umfassende Gesellschaft sind miteinander verbunden, vernetzt, eines ist die Umgebung des anderen, in einem kybernetischen Zusammenspiel verbunden, voneinander abhängig. Organisationen – und vor allem ihre Führung – werden sich in Zukunft neu verorten: als relevante und aktive Gestalter der Gesellschaft. Das gilt für alle Organisationen, ob öffentliche Institutionen, Unternehmen, NGO’s, caritative Einrichtungen oder Universitäten, ja, auch die Kirche, sie sind alle Gestalter der Gesellschaft.

Mit dieser Neu-Verortung von Organisationen entsteht die Frage nach der Verantwortung für die eigene Umwelt. Verantwortung ist kein moralischer Begriff, sondern dem Umstand geschuldet, dass Organisationen sich in diesem unentrinnbaren Wechselspiel mit ihrer gesellschaftlichen Umwelt befinden. Organisationen und die Gesellschaft verändern sich gemeinsam, in einem Prozess der Ko-Evolution.

Dieser gemeinsame Tanz von Organisationen und der Gesellschaft findet in einem besonderen „Ballsaal“ statt: der ökologischen, natürlichen Umwelt, die uns alle als Menschen, als organisierte Menschen oder als verbundene Gesellschaft umgibt. Letztendlich gilt auch hier:

Organisationen und Gesellschaft schaffen sich immer auch die Umwelt, in der sie / wir alle dann leben müssen.

„In welcher Welt wollen wir leben?“ ist keine Frage nach Moral oder von Träumereien. Wir können und müssen uns wohl die Welt so gestalten, um gut darin leben zu können.

Der systemische Blick

Derzeit ist der kollektive Blick auf jeden einzelnen Faktor dieses Zusammenspiels gerichtet:

  • „Die Wissenschaft“, etwa die Soziologie beobachtet und erklärt gesellschaftliche Veränderungen und Entwicklungen;
  • Die Führung in Organisationen betrachtet die eigene Organisation in der Gesellschaft und sucht nach Möglichkeiten der Antworten darauf, sie beobachtet von außen nach innen;
  • Akteur:innen des Klimaschutzes schauen mit Sorge auf das Klima.

Ich sehe zwei Möglichkeiten der Gestaltung von Transformationsprozessen, die eine „Welt, in der wir leben wollen“ zumindest in den Blick nimmt:

  • Blickfangpunkt „Ein systemischer Blick auf die Situation“: ihre Komplexität bearbeiten, Unterschiede und Zusammenhänge untersuchen, die Vorstellungen von „Wahrheit“ loslassen.
  • Kommunikation und Diskurs als Prozess des Suchens und Findens von Lösungen für Organisationen und zugleich als Voraussetzung dafür, dass es überhaupt ein gesellschaftliches „Wir“ gibt.

Ich behaupte, nur so – mit einer der Komplexität der Transformation angemessenen theoretischen Basis und einer gestalteten Kommunikation – können wir ökologische, ökonomische und demokratische Probleme bearbeiten. Organisationen sind dabei die Drehscheiben. Die Drehscheiben von Organisationen ist Führung.

Dazu meine Angebote:

Wenn Sie darüber weiter diskutieren möchten:

  • Dialog & Diskurs im Salon, mehr erfahren
    12.1.2023, 18.00 – 21.00 Uhr

Wenn Sie sich mit der Gestaltung von Transformationsprozessen befassen wollen, ist dieses Programm das passende Angebot:

Systemische Beratung kann bei der Planung und Gestaltung von Transformationsprozessen nützen:

Anmeldung bitte unter anmeldung@seliger-consulting.net

Mit den besten Grüßen,

Ruth Seliger