Männer an ihrem Höhepunkt?
Wenn man die Entwicklungen in der Welt beobachtet, könnte man/frau sich wirklich fürchten: Wir sehen Kriege, Konzentrationen von Macht und Geld, rechte Politik und damit einhergehende Attacken gegen die Schwächsten der Gesellschaft, wir sehen Ignoranz hinsichtlich der Klimaprobleme, Festhalten an fossilen Energiequellen. Und sehr oft sehen wir dabei Männer in dunklen Anzügen mit Krawatte, aber auch in Jeans und Sneakers. Mittelalterliche Männerreligionen beherrschen die politische Bühne. Und dann sind da noch die Industrie-Bosse, die Tec.Bros, die unsere Kommunikation und unsere Hirne beherrschen. Alles Männer.
Es scheint, als wären patriarchale Prinzipien endgültig an ihrem Höhepunkt angelangt.
Soweit das Bild.
Man kann sich fürchten, man kann sich ärgern, man kann verzweifeln oder resignieren – aber man ist nicht dazu verpflichtet.
Die Realität ist was sie ist. Aber ein Befund ist eine Konstruktion. Was, wenn wir die Lage anders konstruieren? Was sehen wir, wenn wir die Geschlechterfrage durch eine andere Brille sehen? Neue Interpretationen können die Realität verändern. Darum geht es. Also setzen wir andere Brillen auf und schauen, was wir dann sehen.
Hier ein paar Vorschläge:
Die Konstruktion von Geschlechterrollen aus einer dialektischen Perspektive
In der Geschichte der Menschheit gibt es nichts, das bleibt, alles ist Veränderungen unterworfen.
Die dialektische Perspektive auf den Verlauf der Geschichte von Gesellschaften zeigt Veränderungen und Fortschritte, die von gesellschaftlichen Konflikten getrieben werden. Interessen prallen aufeinander, ringen miteinander, dabei entsteht etwas Neus. In diesem Ringen kommt es zu Krisen, zu Kippunkten, an denen sich Richtungen verändern, an denen etwas Neues entstehen. Noch einmal sei der bekannte Satz von Antonio Gramsci zitiert:
„Die Krise besteht gerade in der Tatsache, dass das Alte stirbt und das Neue nicht zur Welt kommen kann: in diesem Interregnum kommt es zu unterschiedlichen Krankheitserscheinungen.“[1]
Wenn wir durch diese Brille auf die aktuellen Entwicklungen der Geschlechterrollen schauen, was sehen wir da?
Wie hat es begonnen?
Friedrich Engels („Der Ursprung der Familien“) vermutet, die Geschichte des Patriarchats könnte mit der Sesshaftwerdung des Menschen begonnen haben. Indem Gruppen und Stämme immer größer wurden und versorgt werden musste, vollzog sich der Wandel vom Nomadentum zur Sesshaftigkeit. Der Besitz von Land war existenziell: er bietet Nahrung, Wohnraum, Sicherheit. Wer Land besitzt, will es vererben. Die Weitergabe des Besitzes an die nächste Generation setzte die Gewissheit voraus, wer die Eltern der Kinder sind. Mater semper certa est, aber der Vater? Die Gewissheit über die Vaterschaft wurde erlangt, indem Frauen (und ihre Sexualität) unter Kontrolle gebracht wurden und die Macht von Männern über Frauen begann.
Vieles deutet darauf hin, dass in diesem Umbruch „ältere Mythen und Rituale zurückgedrängt und uminterpretiert wurden. Diese älteren Elemente galten der Verehrung weiblicher Gottheiten und kamen aus Gesellschaften, die friedlicher, weniger brutal und matriarchal waren“.[2]
Jetzt die gute Nachricht: die „Unterwerfung“ der Frau, der „Mutter Natur“ und die daraus entstandenen patriarchalen Rollenbilder und Machtstrukturen der Geschlechter hatten einen Anfang und werden auch ein Ende haben. Nichts bleibt in der Geschichte wie es ist. Sind diese patriarchalen Vorstellungen und Ordnungen möglicherweise jenes „Alte“, das stirbt, von dem Gramsci spricht?
Dann könnten wir das, was wir jetzt erleben, auch als den Abgesang des Patriarchats verstehen und als den Beginn eines „Post-Patriarchats“ oder eines „post-heroischen“[3] Zeitalters bezeichnen. Wenn die alte patriarchale Ordnung „stirbt“, was ist dann aber das „Neue“? Wir wissen es nicht. Wir können es aber konstruieren.
Stehen wir an einem Kipppunkt?
Krisen sind Wendepunkte. Und Kipppunkte. Wann und woran erkennt man einen Kipppunkt? Sicher nicht, wenn er da ist. Meist kann man einen Wendepunkt erst im Nachhinein erkennen und fragen: wann und wie hat sich etwas verändert, wann und wie hat die Veränderung begonnen bzw. ist sie erstmals sichtbar geworden? Das ist, um es mit Watzlawick zu sagen, eine Frage der Interpunktion.
Die Aufklärung war ein radikaler Wendepunkt in der Gesellschaft, eine Entwicklung, die von Naturwissenschaft und Technik angestoßen wurde und die Definition der Welt von der Kirche zur Wissenschaft verschob, Glaube wurde von Wissen verdrängt, dem Menschen wurde Wissen, Freiheit und Individualität unterstellt. Das Datum der Veränderung wurde mit den Forschungen von Kopernikus und Galilei festgelegt. Die Menschen wussten damals nicht, dass sich etwas Grundlegendes in der Gesellschaft verändert. Aber heute „wissen“ wir es.
Man kann aber heute schon Indizien erkennen, die auf Kipppunkte hinweisen. So zeigen sich Wendepunkte daran, dass das „Alte“ in seinem Abstieg sich zu einer grotesken Übertreibung aufbläst. In der Spätphase des Barock läutete das Rokoko, eine Periode des übertriebenen Stils, der überladenen Dekoration, das Ende des Barocks ein.
Die gute Nachricht:
Wenn wir die übertriebene und bizarre Zurschaustellung von Männlichkeit als Verbindung von Macht, Geld und phallischen Symbolen – man denke an die Kettensäge von Milei, an die vergoldeten Hochhäuser (sowie Haut und Haar) von Trump, an die Raketen von Elon Musk – betrachten, könnte man das alles durchaus als den Wendepunkt und Abstieg der patriarchalen Ordnung sehen. Das Männerprinzip ist „ver-rückt“ geworden. Zwar könnte die Dekadenz des Patriarchats noch sehr viel Unheil anrichten, aber das ändert nichts daran: seine Zeit ist vorbei.
Der Abstieg des Alten ist der Beginn des Neuen
Wie ist es zu der Dekadenz des Patriarchats gekommen?
Der Niedergang des patriarchalen Welt- und Menschenbildes hat viele Ursachen: in westlichen Industriegesellschaften etwa ist es nachteilig, auf die Arbeit und das Wissen der Hälfte der Gesellschaft zu verzichten; die Frauenbewegung hat auf Ungleichheit und Ungerechtigkeit hingewiesen, die mit den aufstrebenden Demokratien nicht mehr zu vereinbar waren; immer mehr Frauen sind in politischen, wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und kulturellen Spitzenpositionen zu sehen.
Während nie dagewesene Konzentrationen von männlicher Macht und Reichtum und immer stärkere männliche Netzwerke und Allianzen für die Aufteilung der Welt (unter Männern) entstehen, zeigen sich die Tendenzen des Neuen etwa in der breiten und erbittert geführten Diskussion der Geschlechterrollen. Man könnte also sagen: je mehr Frauen öffentlich sichtbar werden, Einfluss nehmen, Macht gewinnen, umso stärker reagieren Männerbünde. Einerseits löst der Erfolg der Frauenpolitik Nervosität in den Männerbünden – Religionen, Wirtschaft, Politik – aus und verschärft die Konflikte. Andererseits lösen die bereits skurrilen und radikalen Tiraden im Lager des Patriarchats die Gegenbewegung von Frauen und ihre Stärkung aus.
Wir haben es mit einem kybernetischen Regelkreis zu tun.
Auch das ist eine gute Nachricht: Wenn wir es mit kybernetischen Regelkreisen zu tun haben, sollte unsere Aufmerksamkeit nicht auf die einzelnen Akteure, also Männer und Frauen, sondern auf das Zusammenspiel, das Muster gerichtet sein. Man könnte sagen: je grotesker und verrückter Vertreter patriarchaler Prinzipien agieren, umso erfolgreicher sind die Kräfte, die diese Prinzipien verändern. Anstatt mit Angst, Wut und Resignation auf die sich ins Groteske steigernden patriarchalen Entwicklungen zu schauen, könnte man sie doch auch als Gradmesser ihres Niedergangs eines Musters der Aufteilung von Macht zwischen den Geschlechtern sehen.
Was tun mit diesen vielen guten Nachrichten?
Zunächst: die beschriebenen Entwicklungen sind nicht nur gute Nachrichten für Frauen, sondern auch für Männer. Die patriarchale Ordnung ist nicht gut für alle Männer, sondern nur für jene, die an den Machtstrukturen partizipieren, die Rollenvorgaben erfüllen und das Spiel mitspielen können.
Männer und Frauen werden gemeinsam an einem „Neuen“ arbeiten, es konstruieren.
Dazu ein paar Vorschläge:
- Die eigenen Bilder reflektieren: sind Frauen und Männer in einer „Entweder-Oder-Falle“ gefangen und können uns außer Patriarchat nur Matriarchat vorstellen?
Ist das Neue möglicherweise etwas ganz Anderes, etwas noch gar nicht Existentes, dem wir erst Gestalt, Namen, Bedeutung geben müssen? - Die kritische Diskussion der eigenen Denkmuster und der eigenen Beiträge zur Aufrechterhaltung eines Problems ist notwendig, um aus den alten Mustern rauszukommen.
- Zuversicht statt Angst und Wut: aus dem Klage- und Jammermodus herausfinden und den Blick bewusst dorthin zu wenden, wo sich das Neue zeigt, das man hegen und pflegen muss, wo und wie sich Ressourcen zeigen, die man nützen kann, vor allem aber: welche Potenziale in der aktuellen Situation der Transformation stecken.
- Positive Zukunftsbilder: Wir haben die Freiheit, uns die Zukunft so vorzustellen, wie wir wollen. Gute, attraktive Zukunftsbilder geben viel Kraft in der Gegenwart. Wir spüren die Vorfreude, wenn wir an die Zukunft denken. Positive Zukunftsbilder ziehen uns in diese Richtung.
Die beste Nachricht ist: weder müssen Frauen alleine, noch Männer alleine ein Zukunftsbild neuer Geschlechterrollen entwickeln und umsetzen, das geht nur in Kooperation und durch Erhaltung der besten Teile des „Alten“.
Wenn Sie Interesse an diesen Fragen haben und mehr darüber diskutieren wollen, dann habe ich dafür zwei Angebote:
- Virtueller Salon am 13. April 2026
Wird die Zukunft weiblich, männlich oder ganz anders? - forum:transformieren 10.-12. Juni 2026
Zukunft::weiblich?
[1] Antonio Gramsci: Gefängnishefte 2, Argument / InkriT 2024. S. 354
[2] Philipp Blom: Die Unterwerfung. Hanser Verlag. 2022, S.57
[3] Dirk Baecker: Postheroisches Management. Merve Verlag, Berlin 1994